In Lissabon sind Azulejos überall zu finden. An Fassaden, Treppenhäusern, Cafés, verlassenen Mauern und U-Bahn-Stationen. Sie sind nicht nur Dekoration, sondern seit Jahrhunderten Teil der Identität und des kulturellen Erbes der Stadt.
Dann werden sie plötzlich von zerrissenen Plakaten, groben Klebespuren, typografischen Fragmenten und Schichten städtischer Abnutzung unterbrochen. Feine blaue Ornamente treffen auf aggressive Rottöne, beschädigte Grafiken und Papier, das sich bereits von der Wand löst.
Völlig respektlos. Völlig perfekt.
Der Kontrast wirkt beinahe unmöglich zu erfinden. Präzise Handwerkskunst neben vergänglicher Straßenkommunikation. Kulturerbe trifft frontal auf typografisches Chaos. Das eine geschaffen, um Jahrhunderte zu überdauern. Das andere oft nur für wenige Regentage.
Nichts bleibt lange unberührt. Plakate lösen sich ab. Farben verlaufen in die Oberfläche. Fragmente legen sich über die Fliesen und schaffen zufällig neue Kompositionen. Selbst die Beschädigungen verbessern das Bild.
Blau, Weiß, Grau, Schwarz und kräftiges Rot erzeugen eine Farbpalette, die zugleich historisch und überraschend zeitgenössisch wirkt. Lissabon war schon immer bemerkenswert offen für Widersprüche.
Auf Textilien traf ornamentale Wiederholung auf zerrissene Grafiken, raue Strukturen und fragmentierte Typografie. Visuelles Chaos mit unerwarteter Eleganz.
Zum Glück hat niemand die Wand zu früh gereinigt.
Fotografie von Nynke Moens.
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